Lebenslauf   

 

Ich durfte einfach nie Kind sein. Klar, ich hatte Barbies und Playmobil und fast jedes neue Spielzeug, was es gab, aber manchmal fühlt es sich einfach so ungerecht an. Ich war ein kleines Mädchen, das schlimme Dinge erlebt hat, das weinen wollte, das von Mama getröstet und in den Arm genommen werden wollte, wie es für ein kleines Mädchen üblich ist, aber sie durfte nicht. Wenn man jeden Tag hinfällt und sich das Knie aufschürft, dann aber nicht weinen, nicht mal ein Pflaster drauf machen darf, was empfindet man dann noch nach einiger Zeit? Was soll ein kleines Mädchen tun oder empfinden, wenn es nicht sagen darf, was ihr Angst macht? Ich durfte einfach nie Kind sein.

Heute wäre ich gerne Kind. Ich würde mich endlich so verhalten, wie ich es damals am Liebsten getan hätte und ich wäre heute gerne Kind um die Aufmerksamkeit und Achtung zu erhalten, die mein Leben fordert. Ich kann damit nicht erwachsen umgehen. Wie soll man damit erwachsen umgehen? Ich war 4. Um zu begreifen muss man ein „echtes“ vierjähriges Mädchen sehen. Man muss das kleine Mädchen sehen und sich vorstellen, wie es jeden Tag erschrickt, wie es jede Nacht im Bett liegt, aufmerksam, horcht, voller Angst. Kommt gleich wieder mein Bruder ins Zimmer? „ich lasse dich nicht eher schlafen, bis ich dich anfassen darf“, natürlich darf er. Ich hab ihn doch lieb. Wie muss sich ein kleines Mädchen fühlen, dass weint, dass leidet und traurig ist, aber wenn sie Jemand fragt, warum es weint, kann sie nur sagen „ich habe mich gestoßen“. Ich war vier. Alleine. Wie verändert es das Kind? 

Nach Außen durfte nichts gelangen. „es braucht Niemand wissen, was hier los ist...erzähl nie was davon, Freunde verliert man auch wieder und dann wissen sie über unsere Familie bescheid!“ prädigte Mama mir oft. Ich hasste Familielnfeiern oder Geburtstage. Es gab immer Streit. Jedesmal gab es Streit. Papa war noch nicht fertig, er ging duschen, während Mama und ich schon im Auto saßen. Auf dem Weg gab es dann nur verhasste Worte und sobald wir angekommen waren, lächeln. So hatte ich es in jeder Hinsicht von meinen Eltern gelernt. Von Kind an. Vielleicht war meine Mutter überfordert mit 20 Mutter zu werden und vier Kinder großzuziehen. Oft sagte sie mir, dass sie unglücklich sei, dass sie aber wegen mir bei Papa bliebe. Ich weiß nicht, ob sie den anderen Kindern auch so viel erzählte, sie waren früh aus dem Haus. Mein ältester Bruder ist elf Jahre älter, dann der blöde Bruder neun Jahre älter und meine Schwester ist sieben Jahre älter. Vor lauter Streit und Selbstmitleid hatten meine Eltern einfach kein Auge für ihre Kinder. Niemand merkte, wie es mir ging, was mit mir geschah. Jeder war viel zu sehr auf sich selbst bedacht und über Probleme in der Familie reden gab es sowieso nicht. 

Schon mit sechs hatte ich mir Pläne gemacht, dass ich ausreisse und was ich alles mitnehme. In der neunte Klasse war es dann soweit. Ich riss aus. Vollbepackt. Zuerst warf ich noch einen Brief in den Briefkasten einer damaligen Freundin. Dann fuhr ich zum Grab meines Lieblingsonkels, saß da und weinte. Verzweifelt. Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus. Ich konnte nicht mehr lügen, ich wollte endlich aufhören, aber ich konnte nichts sagen. Nach ein paar Stunden fuhr ich weiter. Immer weiter, wusste nicht wohin oder wo ich war. Schließlich rief ich doch zu Hause an. Heimweh, Angst, Sorge. Es folgte das Kreuzverhör und schnell musste ich mir Dinge ausdenken, die mich zum Ausreissen trieben. Ich hatte meinen damaligen Freund beim Küssen mit einer Anderen erwischt, erzählte ich. Die Freundin hatte meinen Eltern den Brief gegeben. Die Stelle mit dem Missbrauch hätte sie mit einer Tippexmaus überklebt, sagte sie. Wussten sie wirklich nicht, weswegen ich weglief oder wollten sie es nicht wissen? Haben sie nicht versucht das Tippex wegzurubbeln um zu erfahren, was wirklich mit ihrer Tochter ist? Es wurde nie wieder darüber gesprochen.

An die Zeit vorher kann ich mich kaum erinnern. Das Geschehene verdrägen, vergessen und innehalten hat mir viel Kraft geraubt und ließ kaum Platz für Erinnerungen. Einzelne, wenige Ereignisse sind geblieben. Ich war ungefähr zwölf, da bekam ich einen Anruf von meiner besten Freundin I.. Sie hatte Ärger wegen meinem Burder und sagte zu mir „wenn F. weiter so einen Mist über mich erzählt, erzähle ich Allen, was er damals mit uns gemacht hat!“ ich verstand nicht. Was meinte sie? Sie nannte mir einige Beispiele, dass F. immer mit uns "Pferdchen" im Garten spielte und wir dabei ohne Hose und Unterhose auf seinem nackten Rücken sitzen mussten.  Oder dass wir uns immer ausziehen und breitbeinig vor ihm hinstellen sollten... Ich war verwirrt, ich wusste das alles nicht. Was erzählte sie da? Ich legte mich aufs Bett und immer mehr Bilder kamen in mir hoch. Wie gern er mit uns "Geisterbahn" spielte, wie er sich mit uns im Iglu versteckte, wie er mit uns Dr. spielte und uns bei der Geburt half und ich sehe noch heute den alten, grauen Bürostuhl, auf dem wir da saßen. Ich sah, wie er an meiner Zimmertür stand und eben sagte „ich lasse dich nicht eher schlafen, bis ich dich anfassen darf!“, wie ich meinen Schlafanzug ausziehen musste, wie er mich streichelte, küsste, überall...****** Ich sah, wie ich auf dem Sofa im Wohnzimmer lag. Niemand zu Hause war und er um die Ecke guckte, mich gefunden hatte. Die Angst kann ich noch spüren. Ich war in meinem zu Hause nicht mehr sicher. Ich teilte mir das Zimmer im ersten Stock mit meiner Schwester. Da sie älter war durfte sie länger auf sein. Sein Zimmer war direkt gegenüber. Er hatte genug Zeit. Niemand bekam etwas mit. Auch nicht, wenn ich weinte. Als ich schließlich mit sechs Jahren noch immer ins Bett machte, bekam ich eine sogenannte „Pingelhose“ und von da an schlief ich im Bett meiner Eltern, bzw. meiner Mutter, da Papa auf dem Sofa schlief. Die nächtlichen Übergriffe vergingen. Wann alles aufhörte, kann ich nicht sagen.

 

Meine Freundin hatte in mir die Erinnerungen angestoßen, aber auch ca. sechs Jahre später konnte ich nichts darüber sagen. Ich spielte, ging weiter zur Schule, war das brave Mädchen, feierte mit ihm Weihnachten und Geburtstage, saß weiterhin mit meinem Peiniger an einem Tisch, bei lachender Miene. Mama hatte so viele Sorgen und ich war mir irgendwann doch auch gar nicht mehr sicher. Ich fing an zu schreiben. Schrieb Gedichte und Kurzgeschichten, schrieb viele Briefe. Eigentlich schrieb ich Jedem, den ich zu dieser Zeit nett fand. Vorallem schrieb ich Lehrerinnen in der Hoffnung auf Hilfe. Oft schwänzte ich die Schule, kam mit dem Stoff nicht mehr zurrecht. Ich hatte doch auch ganz andere Dinge im Kopf, schrieb während des Unterrichtes Gedichte. An einem Eltersprechtag riss ich dann aus. Doch auch der Ausriss brachte mir, wie schon erwähnt, keine Erlösung, ich konnte die Wahrheit nicht sagen. Ich schrieb weiter, ging ab und an zum Beratungslehrer, der mit so einem Thema allerdings ziemlich überfordert war und letztlich war da diese neue Lehrerin. Sie war so süß, hatte blonde Locken und einen eher eigenwilligen Stil. Ich hatte sie nicht im Unterricht, aber ich mochte ihr vertrauensvolles Auftreten, sie war anders. Ich schrieb ihr und sie interessierte sich für mich. Zwar suchte sie mir auch „nur“ die Adresse einer Beratungsstelle raus, aber sie nahm sich meiner an und ging mit mir die ersten Male zusammen zu dieser Beratungsstelle, dem WENDEPUNKT e.V.

 
Die Frau dort war sehr nett, sie hieß genau wie ich. Katrin und sie war wirklich sehr behutsam. Ich konnte nicht darüber reden, aber ich fühlte mich geborgen und sicher. Doch nach einem Jahr ging sie fort, wechselte den Bereich. Für mich brach eine Welt zusammen und ich stand wieder alleine da. Wieder schrieb ich Briefe und Briefe, ob noch auf der Realschule oder der weiterführenden Schule. Ich machte meinen Abschluss, ging zwei Jahre auf die Höhere Handelsschule und beendete die Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten. Eine Weile hatte ich wieder perfekt gespielt und Niemand dachte, dass die liebe, nette und fleißige Auszubildene innen drin ganz anders aussieht.


Mama sagte immer, „mach deine Schule und deine Ausbildung, dass ist das Wichtigste, was man im Leben braucht!“, ich hatte es geschafft. Nach der Ausbildung schrieb ich wieder. Die Gleichstellungsbeauftragte in unserem Haus war so süß und nett, ich musste ihr schreiben. Anfangs natürlich unter dem Vorwand einer Freundin, aber relativ schnell durchschaute sie mich. Auch sie besorgte mir eine Nummer einer Beratungsstelle und fuhr mit mir zum ersten Termin bei TROTZ ALLEM e.V.. Trotz anfänglicher Zweifel und der Angst, wieder verlassen zu werden, ging ich regelmäßig in diese Beratungsstelle und lernte Angelika kennen. Sie brachte mir noch mehr Wärme und Geborgenheit, als ich bisher kannte, auch, wenn ich immer noch nicht über den Missbrauch reden konnte. Ich schrieb viel. Manchmal stellte ich mir vor, Angelika sei meine Mutter. Dann fühlte ich mich sicher.

Nach der Ausbildung musste ich dann relativ schnell eine Fortbildung anfangen. Es war alles zu viel. Ich konnte nicht mehr funktionieren. Während eines Lehrgangs in einem Hotel in Göttingen machte ich dann erste Erfahrungen mit Selbstverletzungen. Ich aß kaum noch und ritzte mich. Anfänglich zarkhaft mit einer Nagelschere in den Unterarm. Schnell ergriff mich die Sucht und der immer stärker werdende Druck, die Macht der Bilder, Gedanken und Gefühle und ich schnitt regelmäßig mit Rasierklingen. Das Blut torpfen zu sehen war ein unbeschreibliches und befreiendes Gefühl. Ich war in meine eigene Wohnung gezogen, da F. oft zu Besuch bei meinen Eltern kam und ich es nicht mehr aushielt. Ich konnte also ungehindert schneiden, Tage verschlafen, nächtelang weinen und meinen Schmerz im Alkohol ertränken.

Nach fast einem Jahr wollte Angelika mich in eine Klinik einweisen. Sie sei an ihre Grenzen gekommen und außerdem ginge sie mit ihrem Mann nach Berlin und wolle mich hier nicht allein in dem Zustand zurück lassen. Wie? Sie wollte mich verlassen?! Mich wollte schon wieder ein lieber Mensch verlassen? Ich wünschte mir doch so sehr, sie sei meine Mutter und jetzt wollte sie mich einfach verlassen? Ich saß auf der Arbeit, hatte über 400 unerledigte Schreiben am Platz und wusste einfach nicht mehr weiter. Ich schrieb Angelika eine SMS, ob sie mich in eine Klinik bringen würde. Zufällig war sie dort zu einer Präsentation der Traumastation und ich sollte meine Tasche packen und sofort zu ihr kommen. Wenn ich mich nicht selber einweisen würde, würde sie es tun. Ich ordnete noch schnell meinen Schreibtisch, verabschiedete mich ganz normal von meinen Kollegen und auf dem Heimweg rief ich meine Schwester an. Spontan wäre Jemand von einem Seminar abgesprungen und ich könnte jetzt den Platz in Hamburg bekommen, müsste aber gleich los und sie solle auf meine Kaninchen aufpassen. Ich hatte sie doch gerade erst bekommen, aber ich konnte nicht für sie sorgen. Ich konnte ja nicht einmal für mich sorgen. Auch meiner Mutter erzählte ich von dem Seminar, damit alle beruhigt waren. Ich packte schnell ein paar Sachen ein, nicht viel, ich wollte ja nicht lange bleiben und fuhr los. Puh, war alles flau im Magen, war ich aufgeregt. Ich hatte vorher mit Angelika ausgemacht, dass sie für mich an der Anmeldung redet. Ich traute mich nicht. Hatte Angst. Wir fuhren auf das Gelände. Auf meiner Station musste ich erst wieder einige Fragen beantworten. Angelika und ich gingen rauchen, ich wollte dort mit Niemandem sprechen. Die waren alle so komisch. Nachdem ich mein Zimmer bezog fuhr Angelika fort. Ich saß allein da, packte nicht aus, denn dort wollte ich auf keinen Fall bleiben. Schreie auf dem Flur. Bald schon gingen die Lichter aus. Ich malte noch. Aber dann fing das, was ich malte, auf meinen Papier an sich zu bewegen. Alles was ich gemalt hatte bewegte sich. Die Nachttischlampe bewegte sich. Alles, was auf dem Nachttisch stand, bewegte sich. Ich bekam Angst. Wurde ich jetzt etwa ganz verrückt?! Ich wollte ein Fenster öffnen, doch es war kein Griff am Fenster. Ich geriet in Panik. Lief raus. Wollte auf den Balkon, er war mit Holzwänden umzäunt. Wo war ich? Ich wollte weg, doch dann merkte ich, dass die Tür abgeschlossen war. An keinem Fenster gab es einen Griff. Ich war auf einer geschlossenen Station! Meine Beine wurden immer schwerer, alles verschwomm. Was hatte man mir bloß für Mittel gegeben? Ich taumelte zurück in mein Zimmer. Legte mich hin. Gab mich auf. Ich war verloren. Gefangen.

Am nächsten Tag wurde ich auf die Traumastation verlegt. Eine offene Station. Dort bekam ich auch Medikamente verordnet, die ich aber auf Grund der Erfahrung der letzten Nacht nicht nahm. Ich nahm keine davon, sammelte sie heimlich. Ich versuchte mich einzuleben, aber ich kam mir falsch vor. Auf der Station traf ich Menschen, die ihren Kopf gegen die Wand schlugen, bis er blutete, ich hörte Menschen, die fürchterlich schrien, weil sie in einem Flashback gefangen waren und ich lernte Menschen kennen, die mehrere Personen waren. Erwachsene Frauen, die auf einmal mit Teddybären über den Flur irrten kannte ich bis dahin nicht. Frauen, die auf einmal vier Jahre alt waren und sprachen wie ein Kind, hatte ich noch nie erlebt. 
Ich konnte nicht spazieren oder einkaufen gehen, meine Eltern hätten mich zufällig im Supermarkt oder auf der Straße sehen können. Gefangen in meinem Lügengerüst rief ich zu Hause an, erzählte von dem Seminar. Das machte mich sehr müde. Die Schwestern und Therapeuten waren der Meinung, sie könnten mit mir nicht arbeiten, wenn ich weiter in diesem Lügengerüst lebe. Es hätte keinen Sinn. Druck und die Aussicht auf ganz viel Aufmerksamkeit ließen mich meinen Eltern eine Brief schreiben. Spannung. Angst.

Mama schrieb einen Brief zurück... Ich nahm  meine gesammelten Tabletten und lief in den Wald. Am anderen Ende des Waldes setzte ich mich hin und schaute dem Sonnenuntergang zu. Die Tabletten vor mir auf einer Folie ausgebreitet. Ein Paar waren weiß, andere braun. Einige Stunden saß ich da. Doch ich war zu feige. Bekam Angst so allein im dunkeln im Wald. Ich lief zurück...

Meine Eltern kamen zu einem Gespräch mit meiner Therapeutin und mir in die Klinik. Noch mehr Angst. Ich saß oben auf dem Balkon. Versteckte mich und schaute, wie meine Eltern kamen und das Gebäude betraten. Ich merkte die Traurigkeit und ich hatte so viel Angst davor, dass Mama weint. Ich wollte sie nicht zum Weinen bringen. Natürlich weinte sie. Es war schwer für mich das auszuhalten. Mit meiner Therapeutin hatte ich eine Sitzordung und einen groben Ablauf des Gespräches geplant und vorbereitet. Ich erfuhr, dass sie mit meinem Bruder gesprochen hatten. Er hatte es zugegeben. Mir war klar, dass er es zugeben würde, in wesentlich abgeschwächter Form, denn er hatte 70.000 € Schulden und war auf Unterstützung meiner Eltern angewiesen. Sie wollten uns trennen. Wir sprachen ab, dass man uns nicht gemeinsam auf Feiern einlädt. Mama weinte viel, während Papa wie immer den Komiker markierte. So kenne ich ihn. Es war ein fremdes Gespräch. 

Kurze Zeit später, nach insgesamt 8 Wochen, wurde ich aus der Klinik entlassen, weil man bei einer Urinuntersuchung Drogenkonsum feststellte. Einige Male hatte ich dort gekifft. Ich wurde noch drei Wochen krankgeschrieben und war nun wieder allein zu Hause. Zu einem Arzt zu gehen traute ich mich nicht, was sollte ich dort auch sagen? So musste ich nach den drei Wochen wieder zur Arbeit.


Eigentlich begann das Gleiche in grün. Ich verschanste mich in meiner Wohnung, weinte viel, schnitt, trank und spielte nach Außen hin die liebe, nette, starke Katrin. Dabei wollte ich tot sein. Meine Mutter besuchte mich regelmäßig. Unangemeldet klingelte sie sonntags morgens an meiner Tür, nervte mich. Hatte sie doch nichts verstanden. Mein anderer Bruder heiratete im Sommer nach dem Klinikaufenthalt und Gott sei Dank wollte meine Schwägerin "so Jemanden" nicht auf ihrer Hochzeit haben. Sie hielt zu mir, glaubte mir, schon während der Klinikzeit. Meine Mutter jedoch verstand das alles nicht. "F. ist traurig, weil er nicht einmal eine Einladung bekam", sagte sie mir und auf der Hochzeit strafte sie mich mit ihren Blicken, die nichts Anderes sagten als "ich bin so traurig, dass mein Kind nicht hier ist und du bist Schuld". Diese Blicke taten weh, ich wollte sie nie wieder sehen.
In unserer Familie ist es schon immer üblich, dass wir uns am 1.November alle auf dem Friedhof treffen und die Gräber besuchen und anschließend gemeinsam essen gehen. Dieser Tag ist allen sehr sehr wichtig und es ist im Grunde der einzige Tag im Jahr, wo wirklich Alle zusammen sind. Jeder kennt diesen Brauch und jeder kommt hin. Meine Mutter saß mal wieder bei mir und wollte, dass ich auch komme. Natürlich wollte ich kommen, aber F. würde auch kommen. Mittlerweile war er nach W. gezogen, aber wenn er zu Besuch war/ist, schläft er bei meinen Eltern. Er würde kommen und bei ihnen schlafen. Das brach mir das Herz. "Ach komm doch. Kannst du es nicht langsam mal vergessen? Es ist doch schon so lange her! Tu es doch mir zu Liebe, du musst ja auch nicht neben ihm sitzen!?" Das waren ihre Worte. Ich war zerrissen.  Es war das erste Mal in 25 Jahren, dass ich nicht mit dabei war. Aber er war dabei. Er gehörte weiterhin ganz selbstverständlich zur Familie. Auch auf der Arbeit sammelte ich ganz selbstverständlich wieder meine Haufen an. Wie soll man denn auch arbeiten, wenn man eigentlich nur sterben möchte? Ich kam wieder in die Klinik.

Mittlerweile war die Traumastation bereits geschlossen und ich kam auf die Depressionsstation. Ich besuchte die Ergotherapie, die Kunsttherapie, lernte stricken, hatte jede Woche Gespräche, aber ich redete immer noch nicht, obwohl ich die selbe Therapeutin wie beim ersten Klinikaufenthalt hatte. Auch nahm ich hier meine Medikamente nicht regelmäßig. Nach vier Monaten wurde ich entlassen. Ich weinte viel, denn ich fühlte mich nicht bereit. Ich nahm Tabletten, schrieb meiner Therapeutin eine Mail, die sie aber erst nach zwei Tagen laß. Die Tabletten hatten nicht gereicht, ich hatte nur lange geschlafen und war benommen. Dann klingelte es an meiner Tür. Ich machte nicht auf, zog die Rolladen leise ein wenig hoch, da guckte mich schon eine Polizistin an
. Sie kamen rein, sahen, dass ich lebte und gingen schnell wieder, obwohl noch ein Haufen Tabletten auf dem Tisch lag. Meine Hausärztin schrieb mich dann noch eine Weile krank. Nach insgesamt sieben Monaten fing ich wieder an zu arbeiten. Was sollte ich tun? Ich brauchte den Job, also ging ich wieder ganz normal zur Arbeit und spielte für alle wieder ganz normal weiter. So, wie sie es alle immer von mir gewohnt waren. Bis heute...