Mittlerweile haben wir das Jahr 2016. Es hat sich viel verändert. Ich habe hier sehr lange nicht mehr geschrieben, ich wollte nicht erinnert werden, wollte alles wegdrücken. Ich dachte wirklich, ich hätte es geschafft oder zumindest gut im Griff. Seit ich aber ab Januar wieder arbeiten bin, bricht alles in mir zusammen...  

 

Am Schlimmsten finde ich eigentlich, dass ich mit niemandem darüber reden kann. Abgesehen davon, dass ich ja eh nicht reden kann, aber man darf sich niemandem anvertrauen. Immer ist alles falsch was man sagt, macht anderen Angst oder Sorgen. Ich fühle mich von allen total unverstanden. Man darf nicht sagen was man wirklich denkt oder fühlt, denn dann verlassen einen die Leute, weil sie es nicht aushalten. "Du mit deinen 16 Stunden arbeiten, das wäre ja Luxus für mich, das musst du doch schaffen"... Ja, natürlich, andere schaffen das auch, aber andere haben keine Alpträume gehabt oder wieder mal einen Brief vom Sozialgericht, wo ich ja immer noch mit dem Landschaftsverband kämpfe, andere haben aber keine Mutter, die zu dem Jenigen zu Besuch fährt, der sie jahrelang missbraucht hat, andere sind nicht so unendlich müde und können vielleicht den Haushalt für vier Personen locker schmeißen, andere haben keine Angst zu telefonieren und fahren darum jeden Tag mit Angst im Bauch zur Arbeit, anderen hat nicht das Herz gezittert, weil ein Mann beim Einkaufen so aussah wie er,andere haben nicht das Gefühl, dass ein Ring um dem Kopf sich immer weiter zu zieht, andere haben nicht den Kampf mit sich, dass sie eine schlechte Mutter sind, weil sie immer so impulsiv sind und gleich schreiend ausflippen oder einfach reglos sind. Wie ist das Leben für ein kleines Kind mit einer psychisch kranken Mutter? Was bin ich überhaupt für eine Mutter? Ich kann ja noch nicht einmal meine Kinder schützen. Meine Tochter spricht jeden Menschen an, den sie auf der Straße sieht. Wie soll ich ihr sagen, dass sie das nicht tun soll? Wie soll ich sie stark machen? Ich würde ALLES für meine Kinder tun, bloß reden, das kann ich nicht.

 

Dich zu lieben sprengt mein Herz. Voller Stolz sehe ich dich an. Kann nicht fassen, dass du lebst und mir jeden Tag aufs Neue den Sinn meines Lebens gibst. Dich zu lieben sprengt mein Herz. Voller Schmerz sehe ich dich an. Kann nicht fassen, dass ich dir keine bessere Mutter sein kann. Unerträglich schön deine Liebe, unbegrenzt, stark und frei. Vollkommen dein Gesicht. Deine Haut an meinen Lippen, ich möchte nie wieder weg von hier. Kein anderer Platz ist perfekter, als der, neben dir.

 

Das ist der Kreislauf. Ich will leben, ich will eine gute Mutter sein, aber ich kann nicht darüber reden. Wie soll das denn so weiter gehen? Es gibt Dinge, an die kann man sich nicht erinnern und es gibt Dinge, die kann man einfach nicht vergessen. Das ist ein Leben am Rande des Aushaltbaren.

 

Ich weiß wirklich nicht, wie ich den Rest des Lebens schaffen soll. Wie soll ich denn weiter machen? Wie bloß? Es wird doch niemals weg gehen. Es wird niemals besser werden. Es wird niemals vorbei gehen. Jedenfalls nicht, wenn ich nicht den Kontakt zu meiner Familie abbreche. Vor zwei Wochen saß meine Mutter hier heulend vor mir. Sie hätte lieber Krebs als so eine Situation. Aber sie müsse es mir ja sagen, bevor ich es anders erfahre. Mein "Bruder" würde heiraten und sie würden dahin fahren. Tja und über andere Ecken habe ich dann mitbekommen, dass mein anderer Bruder mit seiner Frau auch mit fährt und meine Schwester sogar Trauzeugin ist. Das kann eigentlich echt nicht wahr sein. Wie soll man das aushalten? Dann sitzen sie hier auf dem Geburtstag meines Sohnes als wäre überhaupt nichts. Und zu allem Überfluss hat mich meiner Mutter unter Tränen gefragt, ob ich ihm denn nicht verzeiehn könnte. Der Kontaktabbruch wäre ja einseitig. Er hätte gerne Kontakt. Ob wir denn mal gemeinsam an ihrem Grab stehen würden. Das ist ihre größte Sorge. Happy family sogar noch am Grab spielen. Unfassbar. Wie kann sie das von mir verlangen? Sie hat doch sogar meine Aussage bei der Polizei vorgelegt bekommen, hat sie das alles vergessen????? Und ich muss immer weiter machen. Jeden Tag und niemand darf sehen wer du bist, wie schwarz und leer es in dir ist. Dichter nebel überall, Absturz in den Ozean aus Tränen im freien Fall...

 

Es kam wieder ein Schreiben vom Sozialgericht. Eine Vorladung für den 05.10.2016. Horror. Warum tun die mir das an? Ist das alles Berechnung, dass ich irgendwann aufgebe? Ich habe doch wohl deutlich genug gemacht, dass ich nicht darüber reden kann, da hilft auch keine Vorladung. Ich habe keine Ahnung, wie ich den Termin überstehen soll, ob ich überhaupt hingehen soll. Aber zum Absagen ist es wohl schon zu spät, nicht, dass ich eine Strafe zahlen muss. Naja und als wäre das nicht schon schlimm genug, gab es mal wieder ne Story mit der Familie. Mein Vater wird morgen 70. Meine Schwester und mein anderer Bruder und ich wollten ihm einen Grill kaufen und dann noch 5 € Scheine in den Grill packen, als Kohle. Am Wochenende sind wir dann Richtung Toom und unterwegs meinte meine Mutter, was wir denn da wollen. Dann meinte sie, er bekäme schon einen Grill. Von F. ?!?!?! Er würde zwischen 12-15Uhr kommen und den bringen. Ich war natürlich total sauer und genervt. Das war unsere Idee mit dem Grill und er macht alles kaputt. Dann meinte meine Schwester, "Na dann nehmen wir halt den Grill, den wir haben und packen da das Geld rein"!?!?! Will sie jetzt allen Ernstes, dass ich mit ihm zusammen ein Geschenk mache? Hat sie sie noch alle? Die spinnt wohl. Wie kommt sie auf so eine Idee????????? Als ich dann später meine Mutter nach Hause brachte, war ich natürlich total aufgewühlt und hatte sooooooooooooooooooooooooooo Angst, dass er bei ihr sein würde und dann meint sie doch echt, ich solle doch meine Tochter bei ihr lassen, sie würde sie dann abends mitbringen, wenn sie zu uns kommt, um aufzupassen, weil ich mit meinem Mann auf seine Betriebsfeier musste. Wie jetzt? F. kommt und ich soll meine Tochter bei ihr lassen??????????????? Ich glaube, die sind alle total irre. Ich bin noch nicht bescheuert. Der wird ja das ganze Wochenende da sein. Der kommt ja nicht aus W. nur um den Grill zu bringen. Der wird das Wochenende bleiben und "vorfeiern". Ich denke nicht, dass er morgen noch da sein wird. Das kann einfach nicht sein!

Nein, er war nicht auf dem Geburtstag meines Vaters. Wir konnten zum Glück auch nicht lange bleiben, weil mein kleiner alles auseinander genommen hat. Hi hi. Den Termin beim Gericht habe ich auch überlebt, aber außer wochenlangem nervlichen Stress und Kopfschmerzen hat er nichts gebracht. So ist das eben, wenn man nicht reden kann. Dann bringt es auch nichts, wenn sie mich vorladen. Tja, dann warte ich mal die Entscheidung ab.

 

Ach, es ist alles gar nicht so einfach. Derzeit ist irgendwie überall der Tod. Letzte Woche starb eine Erzieherin im Kindergarten, eine Kollegin und der Bekannte einer Freundin. Alle innerhalb einer Woche. Und ich? Meine Tochter spricht im Moment viel über den Tod, meinte letztens zu mir "Mama, du darfst nie tot gehen, sonst muss ich immer weinen..." tja, dann musste ich weinen und konnte nichts anderes sagen als "ich versuche es". Das meine ich ja leider ernst. Klar weiß niemand, was passiert, aber ich meine jetzt, ich versuche wirklich zu leben, mir nichts anzutun. Auch, wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche, ihr könnte ich das nicht antun und das ist schon ziemlich erschöpfend. Im Grunde kann ich schon Frauen oder auch Männer verstehen, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen. Wenn man am Ende so verzweifelt ist, wenn nichts mehr geht, wenn es keinen Ausweg gibt und man selber ja auch gar nicht ohne seine Kinder leben bzw. sein kann. Normale Menschen können das sicher überhaupt nicht nachvollziehen. Bei mir würde ich jetzt jedoch auch sagen, dass ich zu so was zu 100% gar nicht in der Lage wäre. Das macht es ja so schwer. Immer weiter machen, obwohl man schon lange nicht mehr kann. Und was ist, wenn mir tatsächlich das home Office weggenommen wird? Wie soll ich das meinem Mann erklären? Ich kann nicht mehr und soll eine Therapie machen. Ich kann keine Therapie machen. Ich will nicht daran denken, nicht daran erinnert werden und ich will nicht wieder nach jeder Stunde mich selber noch mehr hassen, weil ich wieder nicht reden konnte. Und was soll ich dann wieder meinem Mann sagen? Was soll ich überhaupt allen sagen? Alle denken doch, es sei alles gut. Es will doch auch niemand wissen, die Wahrheit kann niemand aushalten. Wie denn auch? Was würde ich denken, wenn mir jemand sagt "hey, ich habe total Ärger auf der Arbeit, weil ich einer Kollegin schrieb, dass ich mir überlege, vor welchen Baum ich fahren würde und weil ich nicht telefonieren kann. Ich bin fett und hässlich und dumm und eine schlechte Mutter. Ich stelle mir oft vor, wie die Menschen um mich herum erfahren, dass ich mich umgebracht habe und sich dann schockiert fragen, warum niemand was gemerkt hat. Ich möchte mich schneiden. So dermaßen gerne möchte ich mich endlich wieder schneiden...." Gut, was würde ich darauf antworten? Darum schreibe ich es niemandem und fühle mich so immer nur noch mehr falsch und verzweifle nur noch mehr. Denn ich kann diese Gedanken allein ja auch nicht aushalten. Und ich schließe die Augen, vor all diesen Fragen, weil es schwer ist die Wahrheit, auf den Schultern zu tragen.

 

Tja und jetzt? Jetzt ist es amtlich. Ich bin Borderlinerin. Puh...Natürlich stand das seit vielen Jahren im Raum, aber wirklich geprüft hat das niemand. Jetzt habe ich zig Fragen beantwortet und bin wirklich am Boden zerstört. Klar, dass ich nicht ganz dicht bin war mir klar, aber ich dachte jetzt, wo ich mich schon fünf Jahre nicht mehr selbst verletzt habe, wäre das damals vielleicht nur so eine schnelle Behauptung gewesen: "Die schneidet sich, die hat Borderline". Jetzt habe ich Kinder. Meine armen Kinder. Was sollen die denn mit so einer Mutter anfangen? Es gibt ja richtig Bücher darüber, Borderline und Mutter sein und was für Auswirkungen das auf die Kinder hat. Sie tun mir unglaublich Leid. Ich liebe meine kleine Maus unfassbar, ich will sie nicht immer so viel anschreien oder sie schlecht behandeln. "Mama, warum redest du denn jetzt  wieder so blöd?!" Oder wenn ich sehe, wie sie wirklich Angst vor mir hat, wenn ich zum zehnten mal ins Zimmer platze und schreie, weil sie nicht schläft. Ist das etwa Borderline? Das will ich nicht!!!!!!! Und der kleine Mann, der ist im Moment echt frech und muss eigentlich noch mehr Geschrei aushalten oder wenn sie sich streiten und ich die Türen knalle oder Spielzeug aus dem Haus werfe, um das sie sich streiten. Ist das Borderline? Keine Ahnung. Bei allem, was ich tue, überlege ich jetzt, ob das Borderline ist oder ganz normale Erziehung. Tja, nur ich kann mit niemandem darüber reden. Wem soll ich das denn sagen? Meinem Mann? "Hey Schatz, ich bin übrigens psychisch krank, aber keine Sorge, deine Kinder sind bei mir gut aufgehoben". Naja, zumindest hätte ich dann eine Ausrede fürs viele shoppen ;-)

Natürlich möchte ich nicht sterbenskrank sein und ich traue mich auch gar nicht das so zu schreiben, aber über eine schwere Krankheit kann man offen reden, das versteht jeder oder hat Mitleid. Aber so was?  Das will niemand wissen. Also sitze ich hier und spiele meine zwei Rollen, kann nur weinen, wenn der Mann gerade zum Karten spielen oder auf der Arbeit ist. Was sollte ich ihm denn auch sagen? Wie soll das denn jetzt weiter gehen???

Du fühlst dich falsch, so wie du bist
dabei ist alles an dir richtig gerade so wie es ist
bloß für andere macht das alles keinen Sinn
zu viel Angst, schaut keiner genauer hin