In eigenen Worten 

 

Warum in eigenen Worten?

Vieles, was ich im Internet über Missbrauch, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Selbst verletzendes Verhalten oder andere Folgen lese, breche ich nach kurzer Zeit ab, da mir zu viele medizinische Begriffe die Lust am Lesen und Verstehen nehmen.

Ich versuche hier mit eigenen Worten zu beschreiben, was in einem traumatisierten Leben passiert und hoffe, dass ich dieses umfangreiche, sensible Thema Nichtbetroffenen näher bringen kann. Denn das ist doch das Hauptproblem: Dass man sich als Opfer immer unverstanden fühlt, weil man auch nicht verstanden werden kann. Nur, wenn man immer schweigt, kann einen nie Jemand verstehen.

Wie soll Jemand Deine Tränen sehen, wenn Du sie hinter einer Maske versteckst? Hast Du Lust selber ein Thema in eigenen Worten beizusteuern, dann schreib mir einfach hier.


In eigenen Worten...

...verrückt?!

Ist man denn gleich verrückt oder unnormal, wenn einen die Dinge des täglichen Lebens überfordern? Nachrichten zum Beispiel. Ich hasse Nachrichten, denn ich ertrage sie einfach nicht. Nur Tod, Krieg, Hass, Gewalt, Mord, Schicksale, Armut usw. Kann man sich vorstellen, dass eine erwachsene Frau weinen muss, wenn sie Nachrichten sieht, dass sie die Gefühle von Wut und Trauer kaum noch aushält? Ist man dann gleich verrückt? Oft fühle ich mich so. So ist das Leben, aber ich habe schon so viel schlimme Dinge erlebt, dass ich keine mehr ertrage. Auch nicht, wenn sie im Fernsehen sind.

Ist man verrückt, wenn man im Einkaufsgeschäft von einer Flut Menschen überrannt wird und die Angst einen aus dem Laden zwingt? Verwirrung im Kopf, Luftnot, Herzrasen, weiche Knie. Ich kann nichts kaufen. Ist das verrückt?

Täglicher Kampf ums Überleben
täglich ein Kampf mit dem Leben
was kann ich tun?
Wo will ich hin?
Wer bin ich überhaupt?
So viel Durcheinander, so müde, so viel Schmerzen
aufgeben, weinen, schneiden
schlafen
ich kann nicht sterben
aber ich kann auch nicht leben
der Gedanke an meinen Schatz hält den Tod zurück
gefangen, verzweifelt, falsch
ohnmächtig, hoffnungslos, müde
der Gedanke Leben zu müssen holt das Blut hervor
Gefangen in mir

Ist das verrückt? Ist verrückt einfach nur anders? Ver-rückt?


In eigenen Worten...


...Todessehnsucht


Ich fühle mich falsch auf dieser Welt. Wie kann man Jemandem verständlich machen, dass man nicht sein möchte? Wie kann man dieses Gefühl der totalen Leere innen drin beschreiben?
Leere, die mich auffrisst, immer stärker wird
Traurigkeit macht sich breit, hoffnungslos, bis zur totalen Verzweiflung
völlig atemlos im Leben stehen und echt sein, funktionieren
schwache Beine, wirrer Kopf, Bauchweh
müde und völlig erschöpft weitergehen
weiter, weiter, weiter
an den Seiten zieht alles vorbei, Tunnel
kann es nicht begreifen, nicht anfassen, nicht sehen
unnahbar, verschwommen und leer
was ist diese Leere, die mich auffrisst, immer stärker wird?
Und was ist es, was dann doch immer wieder weiter geht? Manchmal denke ich schon, dass ich stark bin. Naja, vielleicht nicht stark, aber dass da einfach ein Lebenswille ist, ein Überlebenswille. Tief versteckt, aber da und der geht immer weiter. Irgendwas muss ja da sein, denn ich bin ja noch da. Ich will nicht sterben, aber ich kann auch nicht leben. 

 

Wenn ich tot bin,
schau ich aus den Wolken auf dich hinab.
Wenn ich tot bin,
lös' ich jeden Abend deinen Schutzengel ab.
Wenn ich tot bin,
erzähl ich im Himmel wie sehr ich dich lieb.
Wenn ich tot bin,
tuts mir Leid, dass ich nicht bei dir blieb.

Uhh, ich weiß nicht was ich will.
Mein Leben fließt durch die Nacht, wie der Regen.
Uhh, ich weiß nicht was ich will,
ich bin Odysseus auf dem Meere.

Wenn ich tot bin,
sing ich jeden Abend nur für dich ein Lied.
Wenn ich tot bin,
wart ich auf dich im Paradies.
Wenn ich tot bin,
weiß ich genau das du gut für mich bist.
Wenn ich tot bin,
Schnee und Regen wenn du mich vergisst.

Uhh, ich weiß nicht was ich will.
Mein Leben fließt durch die Nacht, wie der Regen.
Uhh, ich weiß nicht was ich will,
ich bin Odysseus auf dem Meere.

Uhh, du fehlst mir so sehr.
Ich flieg zwischen Welten hin und her.
Wenn ich zulang bei dir bin,
will ich woanders hin.
Und woanders denk ich immer nur an dich.

Uhh, ich weiß nicht was ich will.
Mein Leben fließt durch die Nacht, wie der Regen.
Uhh, ich weiß nicht was ich will,
ich bin Odysseus auf dem Meere.

Uhh, du fehlst mir so sehr.
Ich flieg zwischen Welten hin und her.
Ich flieg zwischen Welten hin und her...(Songtext "Wenn ich tot bin" von Ich & Ich)

 

Und trotzdem muss man weiter leben. Man muss immer weiter leben. Man MUSS einfach. Es gibt keine andere Option auch, wenn man sie sich manchmal wünscht.


 In eigenen Worten...                                                                                             

...SelbstVerletzendesVerhalten

Wie soll man den Moment erklären, in dem alles über einem zusammen bricht und man innerlich fast zerplatzt und in völliger Vernebelung der Griff zur Rasierklinge geht? Wie soll man Anderen erklären, was es für ein Glücksgefühl ist, das Blut laufen zu sehen? Wie soll man Anderen erklären, dass man es trotz anschließender Schmerzen und Scham wieder tun wird?

Meine ersten Erfahrungen mit SVV habe ich 2003 während eines Lehrgangs in einem Hotel gemacht. Schwach, da ich nicht essen mochte, ritze ich aus abgrundtiefer Wut auf mich, mir mit einer Nagelschere in den Arm. Wieder zu Hause kam dann täglicher Alkoholgenuss und der Austausch Nagelschere gegen Rasierklinge. Ich fühlte/fühle mich aber nicht so stark davon betroffen, wie viele Andere. Die Schnitte sind meist nicht sehr tief und seit ich einen Freund habe, muss ich mich sehr sehr zusammenreißen und jedes mal lange gegen die Gedanken kämpfen.

Manchmal hilft mir der Gedanke, dass ich lieber bei meinem Freund übernachten oder dass ich am Wochenende auf eine Party gehen und ein tolles T-Shirt anziehen möchte. Ich gehe lange heiß duschen, höre super laut Rockmusik und vor allem sage ich mir immer – ich kann es auch später immer noch machen! Lange Zeit klappt es so ganz gut, bis ich irgendwann das Gefühl habe, dass nichts Anderes mehr hilft und ich innerlich aus einem völligen Chaos bestehe, mich ordnen muss, nicht mehr weiß, ob ich überhaupt noch echt bin. Dann hilft auch nichts Anderes mehr...

...und am Ende steht die Enttäuschung, dass man es doch nicht geschafft hat, dass man wieder mit einem langärmligen Shirt in den Sportkurs muss. „Dass du immer ein langes Shirt anhaben kannst?!" Was soll ich denn darauf antworten?

Im Alltag finde ich selbst verletzendes Verhalten zum Beispiel beim Einkaufen. Ich gebe maßlos Geld aus. Dinge, die ich nicht brauche, nicht anziehe oder einfach massenweise und mein Konto kommt aus dem Minus nicht heraus.

Für mich bedeutet selbst verletzendes Verhalten nicht nur, dass man sich selber aktiv weh tut sondern auch, dass man sich verletzten läßt, dass man nicht Abstand nimmt von Dingen und Personen, die einem weh tun. Im Gegenteil. Man sucht immer wieder den Kontakt.

Mein persönlich stärkstes selbst verletzendes Verhalten ist wohl, es immer und immer wieder Menschen zu erzählen, sie stark zu finden und zu denken, dass mir helfen, für mich da sein werden, obwohl ich genau weiß, dass es alles nur kaputt macht. Ich weiß, dass ich jedes mal wieder allein gelassen und enttäuscht werde. In dem Moment fühle mich schlecht und habe ganz tief drin das Gefühl falsch zu sein. Ich schäme mich, fühle mich schuldig und erzähle es aber doch beim nächsten Mal wieder, um wieder allein gelassen zu werden.

 


  In eigenen Worten...

...Selbsthass

Jeder hat eigentlich irgendetwas, was einen an einem selber nicht gefällt. Das mag die Größe sein oder vielleicht die Hüfte, die ein wenig über die Hose guckt, aber eine abgrundtiefe Ablehnung gegen sich selber? Wie fühlt sich das an? Woran merkt man das?
Ich habe schon ein paar Träume und Pläne, wie ich mein Leben ändern würde. Mein Job zum Beispiel. Klar, ich habe einen sicheren Job, einen unbefristeten Vertrag im öffentlichen Dienst, aber manchmal traue ich mich nicht zu telefonieren, weil ich es mir nicht zutraue. Ich habe Angst, dass ich die Fragen nicht beantworten kann. Ich denke, dass ich es nicht schaffe.
Und das soll ich noch 40 Jahre machen? Manchmal gucke ich im Internet oder Zeitungen nach Jobangeboten.  Aber es bleibt nur beim Gucken. Sofort machen sich „was kann ich denn schon" und „mich will doch keiner" in meinem Kopf breit. Unsicherheit. Unmut. Angst.
Sich selber nichts zuzutrauen schränkt sehr ein.

Meine Therapeutin fragte mich oft, was ich brauche, was mir gut tut und ich kann es ihr nicht beantworten. Nicht, weil ich keine Lust dazu habe sondern, weil ich es nicht spüren kann. Was brauche ich?Mir Gutes tun? Was habe ich denn schon verdient? Nichts. Keine Hilfe zulassen. Es darf mir nicht gut gehen.
Totale Verlustängste, wenn der Partner sich mal einen Tag nicht meldet. Er will mich nicht mehr. Ich bin schlecht.

Alle lassen mich allein. Sobald ich Jemandem davon erzähle, werde ich verlassen. Klar, erst ist große Neugier und für einen kurzen Moment denke ich, dass es ok ist, wie ich bin. Aber, sobald ich ehrlich bin, sobald ich sage, was ich denke und fühle, höre ich nur „du musst dir professionelle Hilfe suchen!" Wie ist ein Mensch, der andere Menschen überfordert, wenn er ist, wie er ist? Wie sieht so Jemand aus?


Ganz allein zurückgelassen
auf dem Boden kauernd, weinend, Angst, verwundet
es hatte einmal Freunde, doch es scheint, als wäre es schlecht
die Freunde verletzt, verschreckt, Überforderung, verängstigt
auch hatte es einmal eine Familie, doch es scheint, als hätte es Schuld
die Familie kaputt gemacht, auseinander gebrochen, Zerstörung, verraten
was ist denn das bloß für ein Monster?
Aber es bin doch ICH!

 


 In eigenen Worten...

...Schuld  

  
Wie soll man sich denn selber lieben, wenn man sich schuldig fühlt? Jeder sagt „du bist nicht Schuld!" und der Verstand weiß das, aber alles in mir drin fühlt sich schuldig. Schuld sein, weil ich klein war. Schuld sein, weil ich nichts gesagt habe. Schuld sein, weil ich es zugelassen habe. Einfach nur Schuld sein um nicht verstehen und verzeihen zu müssen, was er getan hat. Er kann nicht Schuld sein. Er ist doch mein Bruder.

Er sagt ja jetzt auch nichts mehr. Ich bin es doch, die die Familie auseinander bricht. Ich bin es doch, wegen der Mama und Papa so viel weinen. Kein Weihnachten mehr zusammen feiern. Was soll mein anderer Bruder denn seinem Kind erzählen? Warum kommen nicht beide zu ihrem Geburtstag? Wird er überhaupt eingeladen?
Die ganze Verantwortung für die Familie. Alleine. Die ganze Schuld. Alleine.