"Frohes neues Jahr", wie ich diesen Satz hasse. Das neue Jahr wird genau so beschissen weiter gehen, wie das alte. Wenn nicht sogar noch schlimmer. Wie soll denn auch ein neues Jahr froh anfangen, wenn man gerade erfahren hat, dass man tatsächlich krank ist, eine Borderline-Störung hat? Ich hatte das verdrängt und nicht wahrhaben wollen und jetzt? Jetzt ist es offiziell. Ich habe ein paar Geschichten gelsen, von Kindern, deren Mütter eine Borderline-Störung haben. Schlimm, was sie schreiben, was sie fühlen, wie sie ihre Mütter erlebt haben. Ja, erlebt haben, denn eigentlich haben alle keinen Kontakt mehr zu den Müttern. Was für eine grausame Vorstellung. Hätte ich lieber keine Kinder bekommen sollen? Ich hätte wohl besser gar nicht erst geboren werden sollen. Was tue ich meinen Kindern denn bloß an?! In den Geschichten der "vergessenen Kinder" (wie sie sich nennen) entdecke ich tatsächlich Sätze von mir. Wie kann das sein? Ich bin doch nicht so. Ich bin doch eigentlich ganz normal, jeder hat doch ein paar kleine Schwächen und komische Verhaltensweisen, da können doch nicht Frauen schreiben, dass sie unter diesen Dingen so sehr gelitten  haben, dass sie den Kontakt zu der Mutter abgebrochen haben, weil sie Borderlinerin ist. Ich muss nur weinen. Meine Kinder sind eigentlich sehr fröhliche Kinder, ich will ihnen nichts antun, weil ich ich bin. Das ist so ein unglaublich schreckliches Gefühl. Ich bin Ich. Ich bin schlecht. Ich bin vor allem schlecht für meine Kinder. Ich sollte lieber tot sein. Werden meine Kinder sonst auch später mal ein Buch schreiben über das schreckliche Leben mit ihrer Mutter? Lieber keine Mutter als so eine wie mich?

 

Tja und jetzt ist doch passiert, wovor ich die ganze Zeit Angst hatte. Da sitze ich bei der Therapeutin und ich habe schon  heute morgen gemerkt, dass es ein "komischer" Tag ist. Alles in mir drin schreit um Hilfe und was antworte ich auf die Frage, warum ich überhaupt noch zur Therapie komme...."Damit ich etwas habe, was ich meiner Chefin vorweisen kann". Die Therapeutin war natürlich total enttäuscht und meinte, dass man dann auch die ganze Therapie abbrechen könnte, wobei es ja nicht mal eine Therapie sei, weil ich ja eh nicht rede. Aber weil ich nicht reden kann! Mein Gott ich hasse mich soooooooooo sehr dafür, ich kann das gar nicht in Worte fassen. Nicht mal so eine beschissene Therapie bekomme ich hin. Als Mutter bin ich auch eine totale Versagerin. Neulich erzählte mir eine Erzieherin, dass der Kleine zwei mal ein anderes Kind gebissen hat...Tja, was soll denn auch aus den Kindern werden, bei so einer Mutter? Und dann schaffe ich es nicht einmal wieder normal zu werden. Jeder Gang zur Therapiestunde ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle für mich. Und am Ende jedesmal wieder dieser Selbsthass, weil ich wieder nicht reden konnte. Und dann sitze ich da und sage einfach solche Sachen...dass ich eben nur komme, weil andere es wollen, dass es nichts gibt, worüber ich reden möchte/müsste/sollte. Mein Kopf ist leer und platz doch vor lauter Gedanken. Lieber sagen, dass ich eigentlich gar nicht kommen will und riskieren, dass die Theraeutin wirklich mal sagt, dass das alles keinen Sinn hat als am Ende dann zu  nah ran zu kommen. Zu nah an die Vergangenheit.

Aber wie soll das die nächsten Jahre weiter gehen? Ich kann mich vor Rückenschmerzen kaum noch aufrecht halten. Ich wache mit Schmerzen auf und gehe damit ins Bett. Alle Untersuchungen ergaben kein Ergebnis, also alles wieder psychisch. Wie immer. Und jetzt soll ich noch fünfzig Jahre so leben? Ich habe zwei Frauen im Bekanntenkreis, denen in der Kindheit auch "sowas" passiert ist. Die eine hat vier Kinder, die andere fünf und sie sind meine großen Vorbilder. Wie sie alles meistern, wie sie trotz allem die Kraft für eine Therapie haben und an sich arbeiten, für sich, für ihre Familie. Und ich?