KLINIK
 

 

Es ist jetzt schon über 1 ½ Jahre her, dass ich mich an dieser Klinik angemeldet hatte. Damals war es so aus der Not heraus, weil mich mein Hausarzt nicht mehr“einfach“ so krankschreiben wollte. Dann bekam ich, passend zu meinem Geburtstag, einen Brief. Da ich schon so lange auf der Warteliste bin, sollte ich Bescheid geben, ob ich überhaupt noch an einem Aufenthalt interessiert bin. Puh, was sollte ich denn darauf jetzt bitte antworten? Nach wochenlangem Überlegen habe ich dann gesagt, dass ich weiterhin kommen will, am Liebsten stationär, nicht teilstationär. Dann hörte ich wieder 2 Monate nichts.


Ich schrieb noch zwei mal die Klinik an, weil es nun doch ernst wurde. Etwas Schlimmes war passiert. Es gibt ja alle möglichen Internetportals, wo man nach alten Freunden oder Schulkollegen suchen kann. So auch bei meinvz. Ich bin da schon fast ein Jahr angemeldet und habe dort viele Freunde wiedergefunden. Das macht riesig Spaß. Dann, vor drei Wochen, sah ich, dass ER auf meiner Seite war. Mit falschem Namen und falschem Ort, doch er war zu blöd sich unsichtbar zu machen, somit konnte ich sehen, dass er auf meiner Seite war. Ich war fix und fertig, ein totales Gefühlschaos, dem ich dann nur noch mit der Rasierklinge entgegenwirken konnte. Dann saß ich noch einen halben Tag heulend im Büro, hatte gemerkt, dass ich mein Profil gar nicht so weit gesperrt hatte, wie ich dachte. Er konnte also mein Bild sehen, meine Freundesliste, meine Lieblingsfilme, Lieblingszitate, Lieblingsbücher, Hobbies. Er war mir so unglaublich nah gekommen. Ein unerträgliches Gefühl. Seit dem bin ich krankgeschrieben und irgendwas musste passieren. Dann meldete sich die Klinik, dass ich kommen kann, teilstationär. Menno.




Ich bin einer Gruppe zugeordnet. Lila, die „Einsteigergruppe“, wo es in erster Linie um das Stabilisieren und Informieren geht. Zwei mal die Woche habe ich so eine Infostunde, das ist wirklich sehr interessant und ich habe vor allem schon erfahren, dass ich nicht verrückt bin sondern dass alles zu meinem Krankheitsbild gehört. Fast Jeder, der ein Trauma erlebt hat, hat diese Folgeschäden. Ich bin gar nicht verrückt, weil ich immer soooooo reizbar bin, ich bin gar nicht verrückt, weil ich oft denke, dass es doch eh alles keinen Sinn hat und sowie so niemals besser sein wird, ich bin gar nicht verrückt, wenn ich mich oft so unwirklich fühle. Und wenn ich dann jeden Tag in die Klinik fahre und ein Auto von vorne möchte links abbiegen, also vor mir her, dann zucke ich schon zusammen und habe ganz automatisch Angst, dass er mir – wie vor zwei Jahren – in meinen Wagen fährt. In dem Moment wird mir klar, wenn schon dieses kleine Trauma so eine Folge hat, mich so doll immer noch erschreckt, obwohl mir überhaupt nichts passiert war, was für Folgen hat dann erst ein so langes Trauma, als ich noch so klein war und mir weh getan wurde. In dem Moment wird mir einfach bewusst, dass es ganz ganz doll schlimm ist.
 


Heute hatte ich wieder ein Einzelgespräch und wieder war es so schwierig. Ich habe in den Augen der Thera die Enttäuschung gesehen. Enttäuschung, weil ich wieder nichts sage. Ich hasse das so. Ich will das nicht. Ich wünschte mir, ich könnte endlich loslassen, was in mir ist, endlich alles raus lassen. Ich meine, ich kann ja noch nicht einmal das Wort "Missbrauch" aussprechen. Warum geht das nicht??? Ich bin mir sicher, dass es mir besser gehen würde, wenn ich endlich mal reden würde, wenn ich endlich mal weinen würde vor anderen, mich fallen lasse. Warum geht das immer noch nicht? Ich hatte so gehofft, dass die Klinik Techniken hat, die mich zum Reden bringen. Vielleicht passiert das ja noch. Ich hoffe es so sehr und ich will es auch. ICH WILL REDEN.

 

Tja, nun sind drei Monate Klinik vorbei und ich sitze hier und fühle mich irgendwie total durcheinander. Ein kleiner Moment ist gut, ein anderer ängstlich und der nächste voller Hoffnungslosigkeit. Heute morgen kam die Angst hoch, Schwindel, Übelkeit, was passiert jetzt nach der Klinik? Die letzte Stunde in der Gruppe war gut und ich bin mit einem guten Gefühl raus. Ich habe mir eine Rückmeldung gewünscht, weil ich sowas noch nie bekommen habe. Wie war der 1.Eindruck von mir? Wie ist der bleibende Eindruck? Was sind meine Baustellen? Was sind meine Stärken? und ich hatte schon Angst vor dem Ergebnis, weil ich dachte, dass mich niemand mag, doch das Ergebnis war anders. Klar, der erste Eindruck war "undurchdringbare Mauer", "unsichtbar", "in sich gekehrt", aber die positiven Dinge überwiegten jedoch und ich freue mich sehr, dass alle hinter der stummen Fassade das Lächeln gesehen haben. Denn eigentlich will ich anders sein. Ich mag Comedy sehr, ich mag blödeln und verrückte Sachen machen und ich mag Neues lernen und viel unternehmen, aber diese Seite ist viel zu selten an der Oberfläche. Wahrscheinlich ist es auch der Teil, der mich noch am Leben hält, aber der Teil soll mich auch leben lassen.

Vielleicht geht es jetzt ein wenig besser, da ich in der Klinik gelernt habe, meine Ressourcen zu finden und zu beachten und wenn der Umzug vorbei ist, werde ich mir auf jeden Fall ein "Sonnenbuch" machen und dort sowas reinschreiben, damit ich es in einer Krise nicht vergesse. Und ich habe auch gelernt, dass ich mich um mich kümmern muss, dass ich auf mich achten muss. Inwieweit ich das umsetzen kann weiß ich noch nicht, ist nicht so einfach, wenn man sich hasst und wertlos ist. Aber einmal habe ich es schon geschafft. Und ich habe gelernt, dass nicht alles auf einmal geht, man kann nicht den ganzen Berg geradeaus in einem hoch, man kann es nur in Serpentinen schaffen und wenn man sich ab und zu mal hinsetzt und schaut, was man schon geschafft hat. Oft komme ich an den Punkt, wo mir alles hoffnungslos erscheint, wo es doch eh nie besser werden wird, wo es doch niemals gut sein wird und dann hoffe ich, dass ich dann dieses Blatt nehmen und mich an die Stunde erinnern kann, in der wir darüber besprochen haben und ich hoffe, dass ich es schaffe, dann wieder weiter zu gehen. ( danke Frau M., dass Sie mir das Bild gegeben haben, das bedeutet mir echt viel!)

Tja, und jetzt sitze ich hier mit meinem Abschlussbereicht und gleich vier Diagnosen: rezidivierende (also wiederholende) Depression, Posttraumatische Belastungsstörung, Dissoziative Störung und Persönlichkeitsstörung. Puh, bin ganz schön geschockt darüber und sehr verunsichert, wie es jetzt damit weiter gehen soll. Kann es so überhaupt weiter gehen? Und da kommen wir auch schon an den Punkt "ambulante Therapeutin suchen", aber ich will das nicht! Ich will keine ambulante Therapie, das ist nur Stress in meinem Kopf. Nicht umsonst habe ich die letzte Therapie abgebrochen. Es macht mich fertig, wenn ich da sitze und nichts sage und mich wieder nur als Versager fühle, weil ich wieder einmal nichts gesagt habe. Ich will das nicht. Ich will einfach nur die Wohnung fertig haben, in die neue Wohnung mit meinem Freund ziehen und dort alles schön machen und wieder arbeiten und Geld verdienen. Und da kommen wir auch schon an den Punkt "Akzeptanz von dem, was passiert ist"... Ui, ich hab wohl noch ne Menge vor mir. Höre jetzt mal besser auf zu schreiben, mir wird schon ganz schwindelig...